Identität zwischen kyrillischen und lateinischen Lettern

Schriftwechsel

Schrift und Typografie in der Ukraine

Identität zwischen kyrillischen und lateinischen Lettern

Klaus-Peter Staudinger, Mai / Juni 2022

Ukrainian typography now!

Vor etwas mehr als 10 Jahren befasste ich mich erstmals intensiver mit dem kyrillischen Schriftraum. Wie viele Designer dies gern tun, hatte ich gelegentlich ein wenig mit den Lettern gespielt und z.B. Logos in einer Art „Fake-Russisch“ entworfen. Im Verlauf der Recherche zu einer zweiteiligen Reportage, die über Russland in die Ukraine und schließlich nach Belarus führte, habe ich nicht nur sehr viel über die Historie und die Besonderheiten des kyrillischen Alphabets erfahren (konkreter bin ich darauf im Rahmen meines Impulsvortrags auf dem 1. TypoSalon am 9. Juli 2022 in Bad Saulgau eingegangen – netterweise mit der Unterstützung von Olya Skorobogatova, einer Künstlerin und Kalligrafin aus Charkiw, die derzeit in Deutschland lebt), sondern auch faszinierende Arbeiten mit diesem Schriftsystem gefunden, die weit über die bei uns geläufigen Klischees hinausgingen.

Zudem entstanden kollegiale Freundschaften, die sogar zu gelegentlichen Kollaborationen führten. Tatsächlich sind mir aber bereits damals kulturelle Unterschiede aufgefallen, die auf mehr Nähe der Ukraine zu Belarus hindeuteten, als das aus den politischen Vorzeichen derzeit ablesbar wäre, und zu größerer Distanz gegenüber Russland, das so seltsam unzugänglich die kyrillische Schriftenwelt zu dominieren schien. Diese Distanz ist angesichts des derzeitigen Aggressionskriegs Russlands gegenüber dem Regime und seinen Befürwortern grenzenloser Abscheu und Verachtung gewichen. Bei meinen jüngsten Recherchen habe ich vor allem in der persönlich geführten Korrespondenz nur erahnen können, was es wohl bedeutet, Typografie unter den Bedingungen eines Krieges zu betreiben.

Sergij Tkatschenko, in Krementschuk in der tiefsten Mitte des Landes beheimatet, hat mir für die seinerzeit geförderte Popularität im Westen nicht nur zahlreiche Schriften seiner Foundry 4th February überlassen, sondern mich verlässlich bei auftretenden Fragen anlässlich Layout-Übertragungen ins Kyrillische beraten. Für einen meiner Kunden fertigte er nach vorhandenen Logo-Lettern gar eine kleine Hausschrift an (ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie abenteuerlich es damals war, die Begleichung des vereinbarten Honorars zu leisten). Selbstredend, dass ich in den eigenen visuellen Statements zum Krieg in der Ukraine auf den sozialen Netzwerken oder im Slider meiner Website zuallererst auf einige seiner Fonts zurückgegriffen habe!

Ein weiterer Protagonist aus der Ukraine, der damals mit portraitiert wurde, ist Dmitri Rastworzew aus Buryn im nördlichen Oblast Sumy. Er war mir vor einiger Zeit wieder in Erinnerung gekommen durch die Vorstellung seiner Superfamilie KyivType. Die ungewöhnliche Schriftsippe wurde für die Identity der Hauptstadt initiiert durch einen kreativen Zusammenschluss von Projector (einem wegweisenden Online-Institut für Designausbildung), Dmytro Bulanov creative büro und Banda Agency. Die drei Unterfamilien Sans, Serif und Titling sind inklusive Variable Fonts seit ihrem Erscheinen bei den einschlägigen Schriftenhändlern kostenlos verfügbar. Damit als westlich geprägte/r Typograf*­in zu arbeiten, ist eine Erfahrung der besonderen Art, die ich zu machen nur empfehlen kann.

Typografische Grafik – Ukraine TYPO now!
Typografische Grafik des Fonts Rutenia

Ruthenia-Schriftproben
Die von Wassil Tschebanyk entworfenen Ruthenia-Alfabete Chebanyk Grotesk Condensed von 2004 und Rutenia Nezalezhna von 2021 spiegeln das breite Spektrum der als genuin für die ukrainische Sprache gedachten Fonts wieder.

Ruthenia – der kulturelle Code

Sowohl bei Tkatschenko als auch Rastworzew ist im Typedesign ein spezieller Duktus erkennbar, der sich in spannender Weise vom westlichen Mainstream abhebt. Natürlich finden sich auch im ukrainischen Schriftdesign westliche bzw. internationale Moden und Trends wieder. Unübersehbar ist dennoch, dass floral inspiriertes oder brutalistisch angehauchtes Design sich mit Versatzstücken aus der eigenen Historie mischt. Die Wurzeln dafür liegen häufig in einer eigenen Erscheinungsform des Jugendstils sowie der „Ruthenia“. Der Begriff leitet sich ab von den „Ruthenen“ genannten Ostslawen in den besiedelten Gebieten der heutigen Staaten Ukraine und Belarus und war somit etwa vom 11. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert gebräuchlich. Das Thema ist ethnisch und historisch recht komplex und soll daher hier nur kurz gestreift werden.

Interessanterweise war das Ruthenische auf dem Höhepunkt der Verbreitung im 17. Jahrhundert eine Sprache der Oberschicht, wurde aber danach nur noch von weniger gebildeten ländlichen Bevölkerungsteilen am Leben erhalten. Bis heute stärker überliefert wurden – in der Ukraine wie in benachbarten Ländern – eigenständige Ausformungen der Kultur und Gebräuche, wie z.B. die regionalen Trachten oder textile Stickereien. In jüngerer Zeit werden von einer ganzen Reihe von Schriftdesignern und Kalligrafen in der Ukraine moderne Tendenzen mit dem historischen Erbe bewusst zusammengeführt – und nicht zuletzt dies entlarvt eindrucksvoll Putins Behauptung, die Ukraine hätte gar keine eigenständige Kultur, als vollkommenen Unsinn.

Aber wie sieht es denn genau aus, das Erbe? Ein Dokumentarfilm der ukrainischen Filmemacherin Antonia Gotfrid, der unlängst große Aufmerksamkeit erlangte, versucht dies anhand der historischen Bezüge in der Kalligrafie und Symbolik mit Methoden der Sprachwissenschaft darzustellen. In „Ruthenia. Kultureller Code der Ukraine“ ging sie auch der Frage nach, wieso Peter der Große seinem Reich die ukrainische Sprache und dessen Alphabet verordnete. Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, diesen Film anzuschauen – aber wie ich von meinen ukrainischen Kollegen erfuhr, ist er im Land wegen teils ungesundem Populismus durchaus umstritten.

Der „kulturelle Code der Ukraine“ spielt im Übrigen auch eine große Rolle für den Kalligrafen Schriftdesigner und Professor an der staatlichen Kunstakademie Wassil Jakowlewitsch Tschebanyk, der seit mehr als einem halben Jahrhundert an einer ukrainischen Identitätsschrift arbeitet. Ziel seines selbst-initiierten Projekts ist es, ein sichtbares Abbild der ukrainischen Sprache – des ukrainischen Alphabets auf Basis des historisch existierenden Ruthenischen – zu schaffen. Auf der zentralen Website sind die bisher entstandenen Fonts im Rahmen einer Creative-Commons-Lizenz verfügbar. Das fortlaufende Projekt, in dem hohe Symbolhaftigkeit mitschwingt, wurde von anderen Kreativen bereits auch multimedial aufbereitet.

Typografische Grafik der Oksana Next Narrow

Oben: Schriftmuster Oksana Text Narrow – gestaltet von Andrij Shevchenko, AndrijType

Unten: Schriftmuster Rolleston Superfamily von Oleh Lishchuk, Mint Type / Pepper Type

Die nächste Generation im Aufbruch

Seit meiner Typoreise von 2011 hat sich die kreative Szene signifikant weiterentwickelt, Büros haben umfirmiert, der Austausch zwischen Kreativagenturen und Schriftdesignern ist intensiver geworden. Die Zahl der Foundrys ist ebenfalls gestiegen. Seinerzeit schon aktiv waren Oleksij Tschekal von PanicDesign aus Charkiw und Andrij Schewtschenko mit Andrij Type aus Berdjansk. 2009 hatte Schewtschenko die Schriftfamilie Oksana veröffentlicht, die einen handschriftlichen Einschlag hat, wie man das ähnlich von der niederländisch-finnischen Foundry Underware kannte. Interessant ist hier aber, dass auch das kantige Kyrillisch, jedenfalls für das westliche Auge, hier eine wohltuende Softness bekommt. Tschekal versteht sich neben seiner Tätigkeit als Designer auch als Kalligraf und Historiker. Speziell seine Letteringprojekte speisen sich, je nach Erfordernis, ebenso aus der westlichen wie ostslawischen Kultur – und decken zudem die ganze Bandbreite von antik-gediegen bis zeitgemäß-modern ab. Schewtschenko blickt auf eine fruchtbare Zeit zurück: Ich denke, die letzten zehn Jahre waren unglaublich für die ukrainische Szene. Nach dem dramatischen Maidan und dem Beginn der russischen Invasion im Jahr 2014 hatten wir einen starken Anstieg des Eigeninteresses an der ukrainischen Kultur im Allgemeinen“ und rät uns im Westen, der von der Auslöschung durch Russland bedrohten Kultur der Ukraine unbedingte Aufmerksamkeit zu widmen.

Neben den Tschekal und Schewtschenko, die seit jeher einem individualistischen Stil mit unterschiedlich historischen Bezügen frönen, gibt es in jüngerer Zeit auch ganz andere Ausrichtungen. Andrij Konstantynow ist Gründer der allerdings schon seit 2004 bestehenden Mint Type Foundry aus Kiew. Die Plattform hält Arbeiten von ihm sowie seit 2016 auch Oleh Lischtschuk von Peppertype aus Odessa parat. Tatsächlich arbeiten beide eng zusammen und entwickeln sogar die Schriften des jeweils anderen geringfügig gemeinsam. „Wir spezialisieren uns beide hauptsächlich auf vielseitige „alltägliche“ Schriften, um lokal gestaltete Alternativen auf einem von russischen Schriftenherstellern dominierten Markt anzubieten“, sagt Konstantynow zur Grundausrichtung ihres Schriftschaffens, das den lateinischen immer auch kyrillische Lettern an die Seite stellt.

Mit der Accia Sans, Inerta, Ambulatoria, Golca und Daikon haben sie fünf serifenlose Fonts im Programm, die mühelos auf dem internationalen Markt konkurrieren können. Vor allem die gut ausgebauten Accia und Inerta sind schlichte Fonts mit kleinen Eigenheiten, die puristisch angelegten Designs guttun. Der Rest deckt nahezu sämtliche Schriftentrends der letzten 15–20 Jahre ab. Bei den Serifenfonts fällt die Diaria Pro auf, die Konstantynov 2015 im Rahmen eines Master-Programms der EINA (Centre Universitari de Disseny i Art) in Barcelona mit Laura Meseguer and Íñigo Jerez Quintana als Tutoren entwickelte. Die moderne Serif Rolleston von Lischtschuk aus dem Jahr 2018 ist mit ihren 42 Schnitten und einer Reihe von OpenType-Funktionen eine wahre „Superfamily“, die aus seinen ohnehin breit ausgebauten Schriftfamilien heraussticht.

Typo als Event, Professionalisierung und Vermarktung

Zu einem der interessantesten Schriftdesigner wurde in den letzten Jahren Kyrylo Tkatschow aus Altschewsk, der sein ehemaliges Domizil nach der Besetzung Luhansks durch Russland nach Luzk verlegen musste. Dort wurde er zu einem einflussreichen Typografie-Lehrer. Er startete das Schrift- und Kalligrafie-Festival „Prostir Liter“, das sich über wenige Jahre von einer kleinen Veranstaltung im Partyformat mit einer Handvoll Leuten zu einer großen Show im Schloss Luzk und an anderen Orten mauserte – zuletzt mit vielen ausländischen Gästen und einer Partnerschaft mit der renommierten Plattform für nichtlateinische Schriftkultur Granshan. Fünf Jahre später, gründete Tkatschow 2019 mit einigen seiner Schriftstudent*­innen die eigene Foundry AlfaBravo. Sein bemerkenswertestes jüngstes Projekt ist die Erstellung einer Schriftart für die Marke „Ukraine NOW“ und der Logos für das ukrainische Ministerium für Wissenschaft und Bildung und für das Ministerium für Kultur der Ukraine. Er hat außerdem auch Identity-Schriften für die Städte Dnipro, Luzk und L’wiwschtschyna entwickelt.

Eine weitere wichtige Persönlichkeit in der Szene ist der Startup-Gründer, Designer und Typograf Jewgeni Sadko. Sadko studierte Grafikdesign an der Design- und Kunstakademie in Charkiw. Nachdem er mehr als 10 Jahre im Bereich Schriftdesign, Identität und Verpackung tätig war, entwarf er eine kyrillische Version der beliebten Schrift Baker Signet. Im Jahr 2013 erfolgte die Gründung des Schriftenvertriebs Rentafont, der sich in der Ukraine zuletzt zunehmender Beliebtheit erfreut – international aber noch relativ unbekannt sein dürfte. Dessen mehr auf Ausleihe oder Leasing denn als käuflichen Erwerb ausgerichtetes Lizenzierungsmodell kommt den ökonomischen Bedingungen im Land entgegen und versteht sich gerade in der jetzigen Phase auch als sozialpolitisches Engagement.

Typografische Plakat Monofontis

Schriftmuster Monofontis der Foundry AlfaBravo
Monofontis ist eine zeitgemäße, monospaced Displayschrift mit zahlreichen Ligaturen und Sonderzeichen, die für stilvolle und moderne Design konzipiert ist, die sich von der Masse abheben sollen. Entworfen wurde sie von Kyrylo Tkatschow zusammen Maria Weinstein

Unteres Bild: Plakat für das Schrift- und Kalligrafie-Festival Prostir Liter III aus dem Jahr 2017

Prostir Liter – Typografische Veranstaltungsplakat in ukrainisch-kyrillischen Buchstaben

Zu den „ukrainischten“ Schriftdesignern aus dem Umfeld von Tkatschow und Sadko, aber auch Tkatschenko und Rastworzew, gehören Bohdan Hdal, Maksym Kobusan, Michael Raffailik, Iwan Zanko und jüngst Walentin Tkatschenko. Hdal arbeitet vornehmlich kalligrafisch und illustrativ, seine Designs sind stark folkloristisch angehaucht. Der gebürtige Kiewer lebt im ländlichen Umfeld der Hauptstadt zusammen mit seiner Frau, einer Journalistin und Fotografin, die im Iwan-Hontschar-Museum arbeitet. Dieses ukrainische Zentrum für Volkskultur ist eine öffentliche Forschungs-, Kultur- und Bildungseinrichtung in Kiew – und bietet auch Hdal reichlich Inspiration für seine Fonts wie Vernigor, Chicken Paw und Rukotvory Sans. Bei seinen Grotesken finden sich teilweise asymmetrische Serifen, gemäß der ukrainischen Schrifttradition. Kobuzan stammt ebenfalls aus Kiew, geht aber stilistisch in eine entgegengesetzte Richtung, genauer gesagt ins Futuristische. Die frei erhältliche Pilowlava ist eine kyrillische Schrift, die im März 2022 von Kobusan der lateinischen Version von Anton Moglia (Maous Studio, Paris / Marseille) und Jérémy Landes (Studio Triple, Berlin) über die Foundry Velvetyne zur Seite gestellt wurde. Die Grundidee der aus intuitiven „Feedback-Schleifen“ bestehenden Schrift entstammt den Formen erkalteter Lavaströme. Seine Fonts Klaster Sans und Prostir Sans sind kräftige, ausdrucksstarke Groteske, die Varp ist der Versuch einer Extraschmalen im technisch-definierten DIN-Outfit.

Raffailik ist für mich der Jonathan Barnbrook der ukrainischen Szene, der weit abseits im nordöstlichen Sumy lebt und arbeitet. Seine Schriftdesigns Forestory, Spilled Ink oder Picacere sind widerspenstig, provokativ – aber dennoch liebevoll und in ihrer Idee konsistent ausgearbeitet. Eine seine interessantesten Schriften ist der Variable Display-Font Sealt, bei dem man jedes gewünschte Gewicht von Light bis Black einstellen kann. Dass er auch ganz anders kann, zeigt seine florale Display-Schrift Fioritura – eine Hommage an die Jahreszeiten-Gemälde von Botticelli und Arcimboldo. Ähnlich radikal geht es bei Zanko zu, der mittlerweile seine eigene Foundry in Kiew betreibt. Otto Attack Type, Glock, Dynamix, Agnets Type überraschen mit ungewöhnlichen, bisweilen martialischen oder verspielten Buchstabenausprägungen. Der von Schwertformen des 15. bis 17. Jahrhunderts inspirierte Font Lezo wurde vom geistesverwandten Dima Kifuliak in die Sammlung eingebracht. Ebenfalls in Kiew wirkt Walentin Tkatschenko, der sein Handwerk am Projector Creative & Tech Online Institute erlernte. Tkatschenko gestaltet schlichte Letterings und Logos und entwirft moderne Typografie in Bewegung, die zum jungen Gesicht der Ukraine gehört. Auf weitere Fonts von ihm nach der experimentellen Kontrastschrift Mak darf man gespannt sein!

Alle fünf Designer nutzen selbstverständlich und ausgiebig alle zur Verfügung stehenden Vertriebswege: sei es der mittlerweile schon klassische Verkaufsweg über MyFonts, als auch die PR über Social Media oder Plattformen wie Behance, Dribbble, Pinterest und andere.

Typedesignerinnen im Kommen

Jewgeni Sadko machte mich dankenswerterweise darauf aufmerksam, dass ich mich zunächst nur mit männlichen Schriftdesignern beschäftigt hätte. Tatsächlich war Typedesign vor gut 10 Jahren nahezu eine reine Männerdomäne. Sadko beschreibt die Veränderung: „In der Ukraine begann das Design digitaler Schriften als reiner Männerberuf, ohne die Möglichkeit, eine spezialisierte Ausbildung zu erhalten. Mittlerweile ist es ein Beruf, den man mehr oder weniger erlernen kann. Mehr Frauen als Männer kommen zu typografischen Kursen. Und sie stellen oft Schriftarten her, die schnell an Popularität gewinnen: Aleksa, Misto Font, Kharkiv Tone, Monofontis, …“.

Es gibt demgemäß jetzt mehr junge Frauen, die ins Schriftdesign drängen – zuletzt waren sie in den einschlägigen Kursen sogar deutlich in der Mehrheit. Viele von Ihnen sind davon angetrieben, eigene Ideen im Schriftgeschehen zu verwirklichen. Diese speisen sich aus der kulturellen Geschichte, den traditionellen Formen und Mustern der ukrainischen Folklore oder aber auch ganz profanen Dingen aus der täglichen Umwelt. Natürlich steht auch Kalligrafie hoch im Kurs – und da funktioniert der Anschluss an historische Bezüge sehr gut. Sicherlich werden nicht alle Studentinnen, die enthusiastisch die Welt der Buchstaben entdecken, nach der ersten Begeisterung ihren beruflichen Weg ins Typedesign gehen. Ausschließlich davon leben zu wollen, ist schließlich nicht nur in der Ukraine kaum möglich.

Typografinnen in der Ukraine – Schriftmalerei mit Gerüst

Die Kalligrafie-Zwillinge VikaVita bei der Arbeit
Viktoria und Witalina Lopuchina scheuen weder Höhen noch Mühen, wenn sie ihre meterhohen Letterings anbringen – wie hier bei dem Software-Unternehmen Levi9 Ukraine, wo sie das Firmenmanifest mit großen gotischen Buchstaben im Entspannungsbereich aufbrachten

Unteres Bild links: Skizze 36 Days of Type, ukrainischer Beitrag für den Schau-Wettbewerb

Typografinnen in der Ukraine – Ergebnis der Schriftmalerei – schwarze Schrift auf gelbem Grund
Typografinnen in der Ukraine – Schriftmalerei mit der Typografin auf dem Gerüst
Die Typografinnen von Vikavita vor ihrem Kunstwerk der Schriftmalerei – schwarze Schrift auf gelbem Grund
Typografische Grafik – 30 days auf type

Ungeachtet dessen hat sich die Zahl der professionell tätigen Type Ladys vervielfacht. Sadko führt seit 2019 eine Liste, auf der sich inzwischen fast 50 weibliche Namen finden. Diese noch recht junge Szene hat bereits ihre ersten Stars: Die im Land recht bekannte Marchela Moschina ist Partnerin von Kyrylo Tkatschow bei AlfaBravo und entwarf mit seiner Unterstützung die wunderbare Schrift Aleksa, die wir zum Start für unseren „Schriftwechsel“ auf dieser Internetseite ausgewählt haben. Aleksa hat ukrainische historische Wurzeln, ist aber zugleich eine moderne Schrift. Mozhyna leitet neben Ihrer Tätigkeit als Typedesignerin „ein einzigartiges historisches Projekt über die ukrainische Typografie des 20. Jahrhunderts, das aufgrund der Kolonialpolitik Russlands und der UdSSR bislang kaum untersucht wurde“, wie es mir Jewgeni Sadko beschrieb.

Viktoria Grabowska, die seit Längerem in der polnischen Stadt Posen lebt und arbeitet, ist schon eine alte Bekannte. Sie hat so vielfältige wie eigenständige Schriften à la Birra Saison, LL Alpha Headline Cyrillic, Arnata, Fjord, oder Kavoon entworfen und gehört mit Sicherheit zu den professionellsten Typedesignerinnen der Ukraine. Auch Katerina Koroljowzewa aus Kiew ist eine selbstbewusste Designerin, die ihren Weg geht. Sie schuf die extravagante Misto, welche der jüngsten Stadt der Ukraine gewidmet ist: Slawutytsch wurde nach der Reaktorkatastrophe als ein kleines Utopia entworfen. Die Umkehrkontrast-Schrift soll das Leben feiern und dementsprechend (kostenlos) zum Einsatz kommen.

Sehr auffällig ist das Kiewer Zwillings-Team VikaVita. Viktoria und Witalina Lopuchina sind in erster Linie Kalligrafinnen. Die so zierlich wirkenden Geschwister sind jedoch nicht nur auf edlem Papier aktiv, sie scheuen auch nicht den öffentlichen Raum und begeben sich bei meterhohen Letterings auch mal in unbequeme und sicher nicht ungefährliche Situationen. Nicht von der Hand zu weisen ist die Ähnlichkeit im Ansatz zu der seit Jahren gefeierten Australierin Gemma O’Brien. Aber natürlich machen VikaVita Kalligrafie auf die ukrainische Art! Neben vielen Schriftzügen und Logos entwarfen sie auch einen Script-Font für Kyivstar, den größten Mobilfunkanbieter im Land.

Viele talentierte Designerinnen wären noch zu nennen – nur eine kleine subjektive Auswahl, mit ihren markantesten Fonts: Die Webdesignerin Olga Ryschitschenko (Cyber Grotesk, Decolot) aus Saporischschja liebt durchkonstruierte Typografie mit Cyberpunk- oder Art-Deko-Einflüssen, die Kalligrafin Tatjana Ljaschenko alias Gutiusha (KalinkaMalinka) aus Kiew kleidet ornamenthaftes Kyrillisch in ein technoides Gewand, die Kiewer Designerin und Lehrerin Maria Weinstein war wiederum Co-Designerin der originellen Monofontis mit Kyrylo Tkatschow für AlfaBravo, Tetjana Iwanenko (IT Gunpowder, IT Extrazium) aus Charkiw war 2019 Mitglied der Granshan-Jury und gestaltet eher klassisch-streng, und Katja Drozd (Kharkiv Tone), ebenfalls aus Charkiw, widmete ihrer Heimatstadt 2020 eine eklektisch-rauhe Schrift mit erkennbaren Graffiti-Einflüssen. Der FreeFont ist zwar (vorerst) nur im Regular-Schnitt zu haben, aber immerhin in Kyrillisch und Lateinisch ausgelegt.

Social Type: Geschichtserforschung und Solidarität

Ukrainische Identität und bedeutet in erster Linie Unabhängigkeit. Nicht erst seit Ausbruch des russischen Aggressionskriegs im Februar 2022 sprießen Solidaritäts- und Unterstützungsaktionen verschiedenster Art im eigenen Land wie auch im Ausland. Der eingangs aufgeführte Typo-Patriarch Vasyl Tschebanyk initiierte schon vor geraumer Zeit sein Ruthenia-Projekt zur Wiederbelebung alter kyrillischer Formen in aktuellen Designs. Für seine Kalligrafie- und Schriftdesigns sowie das besagte Projekt erhielt er mittlerweile den Nationalen Kunstpreis der Ukraine. Eine Vielzahl an Designer*­innen engagiert sich gegenwärtig auf ihre eigene Weise für die ukrainische Kultur, gleichzeitig für Freiheit und Demokratie.

Einen der Protagonisten haben wir bereits kennengelernt – die noch junge Schriftenplattform Rentafont. Sie gibt einerseits angehenden Typerdesigner*­innen aus dem eigenen Land eine Bühne für die Darstellung und den Verkauf ihrer Schriften, hat aber seit 2013 auch viele bekannte Schriftgießereien aus anderen Ländern – etwa The Northern Block, TypeTogether, ParaType, Brownfox und Dutzende anderer Studios – ins Programm aufgenommen. Unmittelbar nach der Invasion Russlands wurden allerdings verständlicherweise alle Schriften aus dem Verkauf und der Vermietung entfernt, deren Urheber in wirtschaftlicher Verbindung mit der Russischen Föderation stehen. Demgegenüber bietet Rentafont professionell gemachte digitale Versionen von Schriften aus der erwähnten Ruthenia-Serie an. Diese verkaufen sich so gut, dass es Rentafont ermöglicht, regelmäßig Geld an die Freiwilligen und Militärsanitäter im Kriegseinsatz zu überweisen. Zugegeben, das Interface wirkt noch ein bisschen angestaubt und das Leihsystem scheint auf den ersten Blick etwas kompliziert – aber wenn man sich erst einmal damit befasst, ist es eine plausible Idee. Zudem finden sich neben vielen Display- und Starter-Fonts auch einige Perlen und die Preise sind sehr moderat.

Typografische Grafik in Blau und Gelb, den Farben der ukrainischen Fahne – Kyrillische Lettern und die eigene Identität

Städte-Fonts der Ukraine
Die signifkantesten Fonts in einer Zusammenstellung des Autors

Blaues Feld:
Mariupol (Andrij Schewtschenko), KyivType Sans, KyivType Serif (Dmitri Rastworzew), Lugatype (Kyrylo Tkatschow)

Gelbes Feld:
KyivType Titling (Dmitri Rastworzew), Kharkiv Tone (Katja Drozd), Lutsk-Sity (Kyrylo Tkatschow), Misto Font (Katerina Koroljowzewa)

Unbedingt erwähnenswert ist die Initiative „Schedryk: Helfen mit Schriften“, mittels der Spenden für freiwillige Sanitäter*­innen im Krieg gesammelt werden. Das geschieht durch eigene Fonts, die von Unterstützer*­innen dafür zum Kauf angeboten werden. Vor einigen Jahren vom Typedesigner Viktor Kharyk ins Leben gerufen, umfasst die Sammlung heute Dutzende von Schriftarten verschiedener Designer*­innen. Nach dem 24.02.2022 bekam die Initiative, wie in ähnlicher Weise bei Rentafont, unmittelbare Bedeutung durch Unterstützung der ukrainischen Armee und Freiwilligen in der Nothilfe.

Ein weiteres spannendes Phänomen ist das der „Städte-Fonts“. Es handelt sich hier nicht um ein koordiniertes Projekt, sondern um Einzelinitiativen, die aber inzwischen im ganzen Land Wirkung zeigen. Nach dem Erwachen des allgemeinen Interesses an ukrainischer Kalligrafie förderten die Kiewer Schule „Artiya“ und andere Orte talentierte Kalligrafiemeister, die wiederum andere unterrichteten, so dass eine Anzahl neuer Künstler und Lehrer heranwuchs. Eine der selbst gesetzten Herausforderungen war zu dieser Zeit die Entwicklung von Stadtschriften, also Hausschriften für deren visuelle Identität. Interessant ist, dass zumindest ein Teil von ihnen als private Initiativen von Designprofis gegründet wurden, um später von den Stadtbehörden übernommen zu werden. Unter anderem waren dies die Städte Kiew, Winnyzja, Mariupol, Luzk und Dnipro. Sehr oft sind diese Schriftarten für die öffentliche Nutzung kostenlos erhältlich – und haben sich daher auch weit verbreitet. Rentafont unterstützt diese Initiative nicht nur mit dem Vertrieb, sondern macht in den Sozialen Netzwerken auch massiv Werbung, z.B. für den Mariupol Strong Display Font. Sie ist bisher die einzige Schrift für eine ukrainische Stadt, die während des russisch-ukrainischen Krieges entstanden ist. Andrij Schewtschenko entwarf sie unweit entfernt im besetzten Berdjansk, zunächst getarnt als „anonyme Kreativgruppe“. Seine Urheberschaft wurde erst öffentlich gemacht, nachdem er aus der Besetzung entkommen konnte. Die extra kühne Version einer ausdrucksstarken Groteske ist vom Designer nicht von ungefähr für ausdrucksstarke Plakate und anspruchsvolles Design gedacht.

Solidaritäts-Aktionen in den Ländern des Westens gibt es inzwischen zahlreich. Am schnellsten reagierten naturgemäß die nächsten Nachbarn. Die Annäherung an die EU hat in Polen längst begonnen, weil das Erlernen des kyrillischen Alphabets dort immer mehr Bedeutung gewinnt. Das u.a. von Slanted unterstützte Projekt „33 Letters for Ukraine“ dreier Designerinnen aus Polen bzw. mit polnischen Wurzeln aus Deutschland wurde inspiriert vom Schau-Wettbewerb 36 Days of Type aus Barcelona. Seit dem März dieses Jahres werden Ergebnisse der Initiative fortlaufend auf Instagram präsentiert. Aber auch innerhalb Deutschlands tat sich seit dem Ausbruch des Krieges einiges. Verbände und Plattformen aus der Designbranche versuchen mit ihren Mitteln, den Kreativen – ob im eigenen Land oder zu uns nach Deutschland hin geflüchtet – pragmatisch mit Job- und Arbeitsraumvermittlungen zu helfen.

Und selbst in der internationalen Modebranche gibt es zahlreiche Initiativen, um über den Verkauf speziell bedruckter oder gefertigter Textilien und Accessoires nicht nur Solidarität zu bekunden, sondern konkrete finanzielle Unterstützung zu leisten.

Screenshot der Website Re:Mariupol

Re:Mariupol
Screenshots von der Website des visionären Projekts für den Neuaufbau der durch die russische Armee zerstörten Stadt – initiiert von Sergij Rodiobow, gestaltet mit der Schriftfamilie Mariupol von Andrij Schewtschenko

Ukrainian Identity

Manche der vor 10 Jahren entdeckten Designer*­innen hat es mittlerweile in andere Gefilde verschlagen, sie sind in Designagenturen aufgestiegen, haben sich teilweise vom reinen Typedesign abgewandt. Aber die Passion für Typografie ist meistenteils geblieben. Ob Dmitri Jarnyitsch, Lukyan Turetskyy (2D Typo), Iryna Kortschuk von der damals jüngeren Generation oder die älteren Hasen um Andrij Schewtschenko, Henadij Zarechnjuk und nicht zuletzt Viktor Kharyk – sie waren zur ihrer Zeit Pioniere und sicherlich die Vorbilder und Inspiration für eine jetzt aktive Generation. Auch wenn unsere Aufmerksamkeit momentan zumeist anderen Aspekten gilt: Die Ukraine hat seit geraumer Zeit typografisch etwas zu bieten. Das widerborstige Design zahlreicher Lettern und Fonts des eigenen kyrillischen Alphabets entfaltet seinen besonderen Charme, wenn man sich erst einmal darauf einlässt. In der hiesigen Öffentlichkeit wird häufig das Bild vermittelt, dass die Ukraine vorbildlich digitalisiert sei. Dies ist förderlich bei der Schriftenerstellung, der Typografie im Design, aber auch der Ausbildung. Interessanterweise ist das Handgemachte, nicht zuletzt durch eine rege Kalligrafie- und Lettering-Kultur, ebenso präsent. Den Gestaltern und Gestalterinnen aus der Ukraine ist das Entwerfen von Schriften aber kein abstrakter Selbstzweck. Es ist der Ausdruck einer reichhaltigen Kultur, die für den Westen noch zu entdecken ist. Eine Botschaft an die Welt, die gesehen werden möchte. Mit ihrem Tun tragen die Typedesigner*­innen so essentiell bei zur Identität der Ukraine – und deren Fortbestand.

Einige machen sich bereits Gedanken zu dieser Zukunft. Ein visuelles Manifest, das mich persönlich sehr berührt hat, ist Re:Mariupol. Ich entdeckte die zugehörige Website während der furchtbaren Belagerung der Stadt im April. Das dort skizzierte Projekt wurde vom Designer und Markenexperten Sergij Rodionow von der Agentur Sergii & Dima – beide Partner leben inzwischen im Ausland – ins Leben gerufen und entwirft in kühnen Visionen die Möglichkeiten eines Neuaufbaus der inzwischen so zerstörten Hafenstadtstadt im Oblast Donezk. Vorbild dafür könnte nach seinen Vorstellungen die Rekonstruktion der Altstadt von Rotterdam sein. Bereits vor Ausbruch des Kriegs wurde in einem Workshop, der vom 31. Januar bis 22. April 2022 experimentell im Rahmen des „Dirty-Old-Town“-Programms an der Independent School for the City in Rotterdam stadtfand, der Umgang mit Klimawandel, Migration und Zerstörung anhand der Fallstudie ausgelotet. Während sich derzeit die russische Besatzerseite mit der Errichtung fragwürdiger Denkmäler und profanen Zweckbauten beschäftigt, wird hier eine lebenswerte, nachhaltige Stadtentwicklung angedacht – sofern die Stadt eines Tags wieder frei sein wird. Die verwendete Schrift ist selbstredend die Mariupol von Andrij Schewtschenko, deren fetter Schnitt nicht von ungefähr „Strong“ heißt.

Gerade in diesen schwierigen Zeiten geben sich nicht zuletzt die Kreativen des malträtierten Landes selbstbewusst und patriotisch: Ми переможемо! Слава Україні!
(Übersetzung Claim: Wir werden gewinnen! Ruhm der Ukraine!)


prjctr.com

Klaus-Peter Staudinger, langjähriges Mitglied des Forums, Vortragender auf einigen Bundestreffen und Mitorganisator von Treffen und Arbeitskreisen in Hamburg, reflektiert die aktuelle Lage.

„Ich habe mich aufgrund meines eigenen Interesses seit jeher mit den Zeichen verschiedener Kulturen und unterschiedlichster Schrift-Biotope auseinandergesetzt. Dieser Impetus führte mich im Jahre 1994 auch zu einer Reise nach Japan, in die mir damals noch recht fremde Welt der Zeichen resp. der dort verwendeten Schriftsysteme. Der darauffolgende Bericht im Design-Magazin PAGE ‚Computer-Lust und Zeichen-Rausch‘ markierte gleichzeitig den Beginn meiner Typoreisen, die mich in gut 25 Jahren in bislang über 35 Länder und, Kultur- und Lebensräume führten. 33 dieser Reportagen wurden bislang in der PAGE veröffentlicht. Hier kommt nach gut 10 Jahren aus aktuellem Anlass ein Update zu Folge 16, damals über die Ukraine und Belarus, ‚Antimonopolistische Typen‘ überschrieben.“

Der Autor dankt allen Beteiligten, mit denen er für diesen Bericht im engeren oder losen Kontakt war. Es war in jedem einzelnen Fall eine persönliche Bereicherung! Für die Zukunft ist den Kolleginnen und Kolleginnen in der Ukraine ein Wirken mit einer Perspektive des Friedens und der Neuerstehung zu wünschen – zusammen mit uns als Teil der Europäischen Gemeinschaft.

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